EZB erhöht Leitzins auf 2,5 Prozent und hebt Wachstumsprognosen an

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins planmäßig um einen Viertelprozentpunkt auf 2,5 Prozent nach oben gesetzt. Damit befindet sich der Einlagensatz nun am oberen Rand des sogenannten neutralen Korridors, den die Notenbanker als konjunkturell weder anregend noch dämpfend einstufen. Es handelt sich um die zweite Zinsanhebung in diesem Jahr, die vor dem Hintergrund fortbestehender Inflationsängste erfolgt – befeuert durch die geopolitische Lage im Nahen Osten und die daraus resultierende Energiekrise.
Der Beschluss wurde im Rahmen der turnusgemäßen EZB-Ratssitzung gefasst, die diesmal in Berlin stattfand – einem jährlichen Ritual folgend, bei dem ein Treffen außerhalb der Frankfurter Zentrale abgehalten wird. Begleitet wurde der Zinsentscheid von überarbeiteten Konjunkturprognosen, die ein gemischtes Bild aus Stabilität und Gefahren zeichnen. In der 21 Staaten umfassenden Eurozone ist die Teuerungsrate zuletzt wieder über die Drei-Prozent-Hürde geklettert und liegt damit deutlich oberhalb des EZB-Zielwerts von 2,0 Prozent.
Konjunkturausblick nach oben geschraubt
Trotz des Preisauftriebs erweist sich die Wirtschaft als robuster als gedacht. Die EZB hat ihre Wachstumsprognosen für die Jahre 2026 und 2027 nach oben korrigiert. Für 2026 wird nun ein BIP-Plus von 0,9 Prozent erwartet, nach zuvor prognostizierten 0,8 Prozent im Juni. Die Schätzung für 2027 wurde von 1,2 auf 1,4 Prozent angehoben. Für das Jahr 2028 bleibt die Vorhersage unverändert bei 1,5 Prozent. Diese Korrekturen spiegeln eine stabile Entwicklung in der Industrie, bei den Investitionen und im privaten Konsum wider.
Gleichzeitig hat sich der Inflationsausblick jedoch verschlechtert. Die EZB rechnet für das laufende Jahr mit einer durchschnittlichen Teuerung von 3,0 Prozent, was der bisherigen Prognose entspricht. Für 2027 wurde die Inflationserwartung jedoch von 2,3 auf 2,5 Prozent nach oben gesetzt. Besonders genau verfolgen die Währungshüter die Kerninflationsrate, die die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Lebensmittel ausklammert. Auch hier wurde die Prognose für 2027 von 2,5 auf 2,6 Prozent angehoben. Dies deutet darauf hin, dass die EZB davon ausgeht, dass der energiegetriebene Preisschub nur allmählich nachlässt.
Arbeitsmarkt als Stabilitätsanker
Ein zentraler Punkt in der aktuellen geldpolitischen Bewertung ist der Arbeitsmarkt. Die EZB unterstreicht, dass ein vergleichsweise moderater Arbeitsmarkt bislang die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale eingedämmt habe. Die Beschäftigten hätten bislang nicht massiv auf die gestiegenen Lebenshaltungskosten reagiert und höhere Gehaltsforderungen gestellt. Tatsächlich zeige das Lohnwachstum Anzeichen einer Verlangsamung, und die Kerninflation sei zuletzt aufgrund einer Abkühlung der Dienstleistungspreise sogar zurückgegangen. Dies verschafft der EZB einen gewissen Handlungsspielraum für eine zurückhaltende Gangart bei künftigen Zinsentscheidungen.
"Der Ausblick bleibt äußerst unsicher, mit Risiken für die Inflation nach oben und für das Wirtschaftswachstum nach unten", teilte die EZB in ihrer Stellungnahme mit. Die geopolitischen Spannungen bleiben der Haupttreiber dieser Ungewissheit. Der Konflikt im Nahen Osten, der Ende Februar seinen Anfang nahm, zeigt keine Anzeichen einer raschen Beilegung. Hinzu kommt, dass die Gasspeicher in der Eurozone vor der bevorstehenden Heizperiode unter den historischen Durchschnittswerten liegen. Energiepreise stellen daher weiterhin eine erhebliche Verwundbarkeit für die Wirtschaft dar.
Anders als 2022 – aber Vorsicht bleibt angebracht
Die EZB betont jedoch, dass sich die aktuelle Inflationsphase grundlegend von der Krise im Jahr 2022 unterscheidet, als die Teuerungsrate nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine zeitweise über zehn Prozent lag. Die damalige Preisexplosion war deutlich heftiger und breiter angelegt. Dennoch warnt die Notenbank vor sogenannten Zweitrundeneffekten, bei denen hohe Energiekosten allmählich auf die Preise einer breiteren Palette von Waren und Dienstleistungen durchschlagen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Entwicklung an den Kapitalmärkten. Die EZB stellt fest, dass sich die finanziellen Rahmenbedingungen bereits deutlich verschärft haben – unter anderem durch einen kräftigen Anstieg der Anleiherenditen, der der Bewegung der US-Staatsanleihen folgt. Diese marktgetriebene Straffung erledigt einen Teil der Arbeit der Notenbank und könnte den Bedarf an weiteren aggressiven Zinsschritten reduzieren.
Ausblick und Lagarde-Pressekonferenz
Die EZB bewegt sich nun auf einem schmalen Grat: Einerseits gilt es, die Inflation nachhaltig zu bekämpfen, andererseits darf die überraschend stabile Konjunktur nicht abgewürgt werden. Alle Blicke richten sich nun auf die bevorstehende Pressekonferenz von EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Von ihr erwarten die Märkte weitere Klarheit über die künftige Reaktionsfunktion der Notenbank – insbesondere im Hinblick auf die sich entwickelnde Energiekrise und die Möglichkeit weiterer Zinsanpassungen im Laufe des Jahres und bis ins Jahr 2027 hinein.




