EZB-Ratsmitglieder drängen auf Zinserhöhung über die 2,5-Prozent-Marke

Die Europäische Zentralbank (EZB) kündigt eine geldpolitische Kehrtwende an. Da die Preisschwankungen auf den Energiemärkten sämtliche Vorhersagen der Währungsbehörde übertreffen, fordern immer mehr Mitglieder des EZB-Rats ein härteres Vorgehen. Nachdem der Leitzins auf 2,5 Prozent angehoben wurde – einer Schwelle, die bislang als Höchstgrenze des neutralen Bereichs angesehen wurde – lassen zahlreiche Währungshüter durchblicken, dass zusätzliche Zinsanpassungen erforderlich werden könnten, um eine dauerhafte Inflation zu unterbinden.
Der lettische Notenbankchef und EZB-Ratsvertreter Martins Kazaks hat sich als einer der markantesten Befürworter dieser Neuausrichtung hervorgetan. In einem jüngst geführten Gespräch unterstrich Kazaks, dass die 2,5-Prozent-Marke auf keinen Fall als absolute Grenze für das geldpolitische Handeln der EZB verstanden werden dürfe. „Es gibt immer mehr Argumente für ein strafferes Vorgehen", sagte Kazaks. Die Zinssätze müssten womöglich „in restriktives Gebiet vorstoßen", um die Inflation einzudämmen. Es existiere keine „unsichtbare Grenze" oder besondere Barriere, die einer Anhebung über das aktuelle Niveau von 2,5 Prozent entgegenstehe. Kazaks befürwortet eine „schrittweise Strategie" und hebt hervor, dass die EZB aufgrund der Angemessenheit ihrer bisherigen Entscheidungen ohne „Elle oder Hektik" handeln könne.
Breite Zustimmung für restriktive Linie
Diese straffe Haltung findet im gesamten EZB-Rat breite Zustimmung. EZB-Direktorin Isabel Schnabel machte deutlich, dass die Bedenken nicht nur Rohöl, sondern auch weiterverarbeitete Erzeugnisse wie Diesel und insbesondere Erdgas beträfen. Die Erdgaspreise an den Märkten sind auf über 83 Euro je Megawattstunde geklettert und übertreffen damit die EZB-Basisprognose von 60,1 Euro sowie das „negative" Szenario von 77 Euro deutlich. Auch die Rohölsorte Brent notiert bei 107 Dollar je Barrel und liegt damit weit über den Berechnungen der hauseigenen Modelle der Notenbank.
Der slowakische Notenbankchef Peter Kazimir erklärte, dass sich sein Augenmerk zunehmend auf Gas- und Stromkosten verlagert habe. Er gab zu bedenken, dass „die Inflationsrisiken eindeutig nach oben weisen". Die Dringlichkeit wird durch die angespannte Lage der europäischen Energiereserven noch verschärft. Europäische Staaten, die im Sommer in Erwartung einer Lösung des Iran-Konflikts mit dem Befüllen ihrer Speicher gezögert hatten, suchen nun fieberhaft nach Lieferungen. Diese Anspannung hat die Gaspreise auf den höchsten Stand seit vier Jahren getrieben und droht, die Ausgaben für Haushalte und Unternehmen massiv in die Höhe zu treiben.
Wirtschaft stößt an Grenzen – Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale
Kazaks warnte außerdem, dass die Wirtschaft des Euroraums derzeit an ihrer maximalen Leistungsfähigkeit arbeite. Dies erhöhe das Risiko, dass höhere Energiepreise auf Löhne und allgemeine Verbraucherkosten umgelegt würden. „Die Produktionslücke schließt sich, was zur Folge haben könnte, dass die Übertragung auf Preise und Gehälter zunimmt", so Kazaks. Die Teuerungsrate im Euroraum lag im August bei 3,3 Prozent; für das letzte Vierteljahr wird ein Wert von 3,6 Prozent erwartet.
Besonders kritisch: Grundlegende Güter wie Treibstoff und Nahrungsmittel, die sich derzeit für viele Verbraucher im „Wahrnehmungsschatten" befänden, könnten bei fortgesetztem Preisdruck die Inflationserwartungen steigen lassen – vor allem, wenn sie weiterhin stärker steigen als die Löhne. Die Tarifgehälter im Euroraum erhöhten sich im zweiten Quartal um 2,44 Prozent, eine leichte Abschwächung gegenüber 2,56 Prozent im ersten Quartal. Dies zeigt die möglicherweise wachsende Schere zwischen den Lebenshaltungskosten und der Einkommensentwicklung.
Kapitalmärkte kalkulieren weitere Zinsschritte ein
Während einige EZB-Ratsmitglieder weiterhin Vorsicht anraten und für ein schrittweises Vorgehen von Sitzung zu Sitzung eintreten, um weitere Entwicklungen abzuwarten, rechnen die Finanzmärkte bereits mit hoher Wahrscheinlichkeit mit weiteren Schritten. Die Märkte beziffern die Wahrscheinlichkeit einer Zinsanhebung auf der nächsten EZB-Sitzung am 29. Oktober auf 60 Prozent. Ein Zinsschritt bis zum Jahresende gilt als vollständig eingepreist.
Für die EZB besteht die zentrale Herausforderung weiterhin darin, das richtige Gleichgewicht zu finden zwischen der Notwendigkeit, eine Lohn-Preis-Spirale zu verhindern, und dem Risiko, die Wirtschaft in ein restriktives Umfeld zu lenken, das das Wachstum abwürgen könnte. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Energiemärkte der EZB den Spielraum lassen, den sie für ihre schrittweise Strategie benötigt.



