Milliarden-Abschreibung erschüttert Nidec: Aktie bricht zweistellig ein

Die Papiere des japanischen Motorenherstellers Nidec Corp. sind am Montag zeitweise um bis zu 18 Prozent auf 2.405,0 Yen abgesackt. Verantwortlich für den heftigen Kursrutsch ist ein Artikel des Wirtschaftsmagazins „Diamond Online“, demzufolge das Unternehmen eine Wertminderung von einer Billion Yen (etwa 6,3 Milliarden US-Dollar) verbuchen muss. Diese Absetzung, die im Geschäftsjahr bis zum 31. März 2026 anfallen soll, könnte nach Einschätzung von Analysten die gesamten Gewinne der letzten zehn Jahre aufzehren.
Laut „Diamond Online“ und der „Financial Times“ entfallen 600 Milliarden Yen der Wertberichtigungen auf eine verschärfte Neubewertung von Vermögensgegenständen in Sanierungsbereichen, insbesondere der Hausgerätesparte. Weitere 300 Milliarden Yen gehen auf Berichtigungen infolge von Unstimmigkeiten in der Rechnungslegung zurück. Nidec hatte bereits früher vor möglichen Abschreibungen von 250 Milliarden Yen gewarnt. Die nun genannte Summe übersteigt die bisher mitgeteilte Belastung somit um ein Mehrfaches.
Aus Anlegersicht ist vor allem das Verhältnis zur Ertragskraft von Bedeutung. Wenn eine einzelne Wertberichtigung tatsächlich die kumulierten Ergebnisse eines ganzen Jahrzehnts egalisiert, verschiebt sich die Unternehmensbewertung grundlegend. Nidec hat auf Anfragen zu den aktuellen Medienberichten bislang nicht reagiert.
Personelle Veränderung an der Konzernspitze
Zusätzlich zu den finanziellen Lasten zeichnet sich ein grundlegender Wechsel an der Führungsspitze ab. Dem Bericht zufolge hat der Aufsichtsrat die Entlassung von Präsident Mitsuya Kishida beschlossen – eine Maßnahme, die bereits in dieser Woche offiziell bekanntgegeben werden könnte. Dieser Schritt erfolgt vor dem Hintergrund einer anhaltenden Krise, die durch einen Bilanzskandal sowie rund 1.000 Fälle von mutmaßlichem Fehlverhalten in der Produktionsqualität gekennzeichnet ist.
Nidec, ein bedeutender Zulieferer für Autobauer wie Volkswagen und BMW, bemüht sich derzeit intensiv um eine Reform seiner Governance-Strukturen, um ein mögliches Delisting abzuwenden. Die Aktie wurde bereits aus dem Nikkei 225-Index gestrichen. Für deutsche Investoren ist dies von Bedeutung, da Nidec als Komponentenhersteller eng in die Lieferketten der heimischen Automobilindustrie eingebunden ist und die Schwierigkeiten somit auch die Stabilität dieser Ketten beeinträchtigen.
Die Unternehmenskultur, die stark vom charismatischen, jedoch nicht unumstrittenen Gründer Shigenobu Nagamori geprägt wurde, gilt bei Fachleuten als eine der Hauptursachen für die internen Probleme. Nagamori, der die Firma 1973 gründete und durch eine offensive Übernahmestrategie zum globalen Marktführer für Präzisionsmotoren machte, schied 2024 als Vorstandsvorsitzender aus und legte im Februar dieses Jahres auch seine Funktion als Chair Emeritus nieder. Sein Führungsstil, der etwa das Säubern von Toiletten mit Zahnbürsten durch Angestellte vorsah, wird heute kritisch betrachtet.
Kontrollgremien sollen Vertrauen wiederherstellen
Nachdem eine interne Prüfung im Jahr 2024 eine fragwürdige Zahlung einer chinesischen Tochtergesellschaft und eine weitreichende Bilanzfälschung zutage gefördert hatte, versucht Nidec nun, das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen. Das Unternehmen hat die Zahl der unabhängigen Direktoren auf 10 von 13 erhöht und zugesichert, substanzielle Verbesserungen in der Buchhaltung, Qualitätssicherung und Unternehmensführung umzusetzen.
Gleichwohl bleibt die Situation angespannt: Der Aktienkurs ist seit seinem Höchststand im Jahr 2021 auf ein Drittel gefallen. Das Zusammenspiel aus drohender Rekordabschreibung, personellen Konsequenzen an der Spitze und dem fortdauernden Vertrauensverlust macht Nidec zu einem der gegenwärtig riskantesten Werte im japanischen Industriesektor. Ob die angekündigten Reformen ausreichen, um ein Delisting zu verhindern, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.



