Ideen-Export statt Wertschöpfung: Warum Großbritannien seine Innovationen nicht behalten kann

Das Vereinigte Königreich befindet sich in einem Widerspruch, den Experten als "Innovationsparadoxon" bezeichnen. Obwohl die Nation weiterhin zu den weltweit führenden Zentren für Spitzenforschung und die Gründung von milliardenschweren Start-ups zählt, gelingt es ihr nicht, die wirtschaftlichen Erträge ihrer geistigen Arbeit im eigenen Land zu sichern. Wie eine aktuelle Untersuchung der Financial Times belegt, fungiert Großbritannien de facto als "Ideen-Fabrik", deren Ergebnisse letztlich von ausländischen Konzernen ausgebaut, finanziert und abgeschöpft werden.
Die Stärke Großbritanniens bei professionellen Dienstleistungen und im Hochschulsektor ist unbestritten. Das Land zählt zu den fünf führenden Nationen für hochwertige wissenschaftliche Publikationen, und London bleibt ein bedeutendes Zentrum für Einhorn-Start-ups. Diese intellektuelle Leistungsfähigkeit führt jedoch nicht zu einer entsprechenden heimischen Industrieproduktion. Die Daten des Nature Index sowie weiterer Forschungsinstitute legen nahe, dass das Vereinigte Königreich zwar in der Phase der Labordurchbrüche herausragende Ergebnisse liefert, jedoch die notwendigen Voraussetzungen und finanziellen Mittel fehlen, um diese Unternehmen erfolgreich durch die entscheidende Wachstumsphase zu bringen.
Das strukturelle Ungleichgewicht
Dieses Problem verstärkt sich von selbst. Da das britische Ökosystem für Fertigung – darunter Zulieferer für Komponenten, Testlabore und gewerbliche Forschungseinrichtungen – immer weiter geschrumpft ist, wird es für Firmen zunehmend schwieriger, ihre Forschung über das erste Ideenstadium hinaus voranzutreiben. Die Konsequenz ist ein "Brain Drain" bei der Vermarktung: Seit 2012 fanden 80 Prozent der Börsengänge von britischen Hochschulausgründungen im Ausland statt, und die meisten Unternehmensexits erfolgten durch Übernahmen ausländischer Investoren.
Im Mittelpunkt dieser Entwicklung steht das Schicksal des in Cambridge ansässigen Chipdesigners Arm. Das Unternehmen, das aus dem Umfeld der Universität Cambridge hervorging, wurde 2016 vom japanischen SoftBank-Konzern übernommen. Arm gilt als Paradebeispiel für die Unfähigkeit des Vereinigten Königreichs, seine wertvollsten Unternehmen zu halten. Die Firma wurde schließlich in den USA an die Börse gebracht, wo sie heute mit einer Viertel Billion Dollar bewertet wird. Dieses Muster wiederholt sich in zahlreichen Branchen: DeepMind, der in London ansässige KI-Vorreiter, wurde 2014 von Google übernommen. In jüngerer Vergangenheit wurden Oxford-Ausgründungen wie OrganOx und Oxford Ionics für Milliardenbeträge an japanische beziehungsweise amerikanische Käufer veräußert.
Die Hindernisse beim Wachstum
Die Ursachen für diesen Exodus sind vielfältig und reichen von Finanzierungslücken bis zu regulatorischen Hürden. Während die Finanzierung in der Seed-Phase in Großbritannien noch vergleichsweise gut aufgestellt ist, verändert sich die Lage in der Skalierungsphase dramatisch. Heimische institutionelle Investoren agieren risikoscheu und sind zersplittert, was eine Lücke hinterlässt, die US-Investoren bereitwillig füllen. Allerdings ist amerikanisches Kapital an Auflagen gebunden: Gründer werden häufig unter Druck gesetzt, ihre Firmen in die USA zu verlegen, um bessere Bewertungen und Zugang zum weltweit größten Absatzmarkt zu erhalten.
Hinzu kommen erhebliche Belastungen durch die physischen Anforderungen der Innovation. Hohe Energiekosten, strenge Bauvorschriften und ein Mangel an "gewerblichen Laborflächen" treiben Entwickler gezielt ins Ausland. Zudem wird der US-Rechtsrahmen häufig als vorteilhafter für Biotech-Unternehmen betrachtet, die in den amerikanischen Markt eintreten möchten. Auch im Bildungssystem zeigen sich Schwächen: Das Vereinigte Königreich bringt im Vergleich zum OECD-Durchschnitt einen geringeren Anteil an Absolventen in den Fächern Ingenieurwesen und Fertigung hervor.
Ein Ausweg
Die britische Regierung versucht gegenzusteuern und setzt staatliche Instrumente wie die British Business Bank ein, um Liquidität bereitzustellen. Zudem gibt es koordinierte Bestrebungen, inländische Pensionskassen zur Schließung der Finanzierungslücke heranzuziehen – ein Schritt, den Analysten zufolge beschleunigt werden sollte, um einen weiteren Verlust von geistigem Eigentum zu verhindern.
Trotz dieser Schwierigkeiten verfügt Großbritannien weiterhin über bedeutende Standortvorteile. Die Anmietung eines Labors im Vereinigten Königreich kostet etwa halb so viel wie vergleichbare Flächen in Boston oder im Silicon Valley. Die akademischen Talente bleiben erstklassig, und selbst nach dem Verkauf an ausländische Erwerber entscheiden sich viele Gründer dafür, im Vereinigten Königreich zu bleiben. Dies deutet darauf hin, dass der Reiz des Landes als Lebens- und Innovationsstandort nicht vollständig verloren gegangen ist.
Die zentrale Aufgabe für das Vereinigte Königreich besteht darin, die Kluft zwischen dem Labor und der Produktionsstätte zu überbrücken. Bleiben die Hürden zwischen der ersten Idee und der für das Wachstum erforderlichen Infrastruktur bestehen, wird Großbritannien weiterhin das technologische Wachstum anderer Länder finanzieren und im Grunde als globaler Brutkasten dienen, der die langfristigen wirtschaftlichen Erträge seiner eigenen Genialität nicht abschöpfen kann.



