September birgt für Anleger weltweit ein Bündel neuer Gefahren

Nach dem Ende der Sommerpause kehren die Marktteilnehmer an die Börsen zurück – und sehen sich einem komplexen Geflecht aus Gefahren gegenüber. Wachsende Staatsschulden, hartnäckige Inflationstendenzen, geopolitische Konflikte sowie ein vollgepackter Terminkalender der Notenbanken drohen, die Finanzmärkte im September kräftig durcheinanderzubringen. Der jüngste Schlagabtausch mit dem Iran hat sich als entscheidender Motor für die weltweiten Finanzmärkte herauskristallisiert. Die Notierungen für Öl und Gas bewegen sich stark, während die Akteure am Markt abwägen, ob und in welchem Umfang zentrale Seewege – insbesondere die Straße von Hormus – passierbar bleiben. Bereits am Montag legte der Ölpreis um zwei Prozent zu, nachdem US-Streitkräfte eine iranische Insel in der Meerenge von Hormus attackiert hatten. Diese Entwicklungen beflügeln die Titel der Energiekonzerne, setzen jedoch große Energieabnehmer unter Druck. Die hieraus erwachsende höhere Teuerung belastet zusätzlich die Staatsanleihen. Bislang hat das weltweite Wirtschaftswachstum die gestiegenen Preise noch weggesteckt. Allerdings schmelzen die Reserven, die den anfänglichen Schock zunächst abfederten, zunehmend dahin.
Notenbanktermine im Blick: Fed und BOJ tagen in derselben Kalenderwoche
Ein besonders heikler Termin steht den Märkten im September bevor: Die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) und die japanische Zentralbank (BOJ) halten ihre Sitzungen in derselben Woche ab. Daraus könnte eine doppelte Portion an Schwankungen resultieren. Fed-Chef Kevin Warsh dürfte die Spekulationen auf eine Zinsanhebung am 16. September durch eine restriktiv klingende Ansprache beim Jackson-Hole-Symposium weiter angefeuert haben. Die Händler werden seine Äußerungen genauestens beobachten. Ebenso rücken die jüngsten Eingriffe des US-Finanzministeriums in den Anleihemärkten in den Fokus, da sie die Marktsignale verzerren können. Auf dem Symposium ging Warsh nicht unmittelbar auf diese Interventionen ein, betonte jedoch, die Fed „brauche klare Marktsignale“, um eine passende Geldpolitik zu formulieren.
Justin Onuekwusi, Chief Investment Officer bei St. James's Place, hob die Relevanz der Kommunikationsstrategie hervor: „Wie die Fed künftig kommunizieren wird, ist wichtig, da dies ihre gesamte Glaubwürdigkeit und die globalen Zinssätze beeinflusst.“ Auch in Japan deutet sich ein Kurswechsel an. Nachdem das Land zuletzt am Devisenmarkt eingegriffen hatte, um den Yen zu stützen, rechnen die Märkte mit einer Zinserhöhung der BOJ am 18. September. Auch hier spielt die Signalwirkung eine entscheidende Rolle. Hank Calenti, Chief Strategist für globale Märkte bei SMBC EMEA, merkte an: „Es geht alles um die Narrative und wie hawkisch der Gouverneur klingt.“ Der Tonfall könnte die Gestalt der japanischen Renditekurve beeinflussen. Die Zinsen für zehnjährige Anleihen klettern bereits in Richtung der Drei-Prozent-Marke – dem höchsten Niveau seit Mitte der 1990er Jahre.
Börsengang als Wagnis: Anthropic stellt den KI-Hype auf die Probe
Ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor für die Börsen ist der geplante IPO von Anthropic. Wie verlautet, könnte das Unternehmen – im Anschluss an den gewaltigen Börsengang von SpaceX im Juni – bis zu 100 Milliarden Dollar einsammeln wollen. Dies könnte sich als weiteres Risiko für den KI-Handel erweisen, während die Märkte die zunehmenden Emissionen von Big-Tech-Anleihen zur Finanzierung von Investitionsausgaben verarbeiten müssen. Rory Dowie, Multi-Asset-Portfolio-Manager bei Marlborough, äußerte Bedenken wegen stark überhöhter Bewertungen: „Wenn es um Anthropic und OpenAI geht, wird es wahrscheinlich massiv überbewertete Bewertungen geben.“
Anthropic wurde im Mai mit 965 Milliarden Dollar bewertet. Sollte die IPO-Bewertung bei einer Billion Dollar liegen, würde das Unternehmen zu den größten börsennotierten Konzernen weltweit aufsteigen. Violeta Todorova, Senior Research Analyst bei Leverage Shares, sieht allerdings deutliche Gefahren: „Wenn die Investorennachfrage für dieses Thema auch nur kurz nachlässt, gibt es keinen Diversifizierungspuffer.“ Die Folgen träfen nicht allein die frischen Börsengänge, sondern auch Nvidia, Microsoft und sämtliche Titel, die bereits auf den Bedarf an KI-Infrastruktur ausgerichtet seien.
Frankreichs Haushaltsstreit und politische Unwägbarkeiten in Europa
In Europa droht aus Frankreich politischer Sprengstoff. Die Regierung plant, in den nächsten Wochen einen Haushaltsentwurf der Nationalversammlung vorzulegen. Ein harter Konflikt kündigt sich an, da die Regierung das Defizit im Griff behalten möchte, bevor die Präsidentschaftswahl 2027 ansteht. Laut Umfragen könnte diese den rechtsextremen Kräften Auftrieb geben. Guy Miller, Chefvolkswirt der Zurich Insurance Group, sieht ein Risiko steigender Renditen französischer OAT-Anleihen: „Wir glauben jedoch nicht, dass dies in einem Maße geschieht, das die Struktur der Euro-Staatsanleihen wirklich untergräbt.“
Auch die deutschen Anleihen könnten unter Druck geraten. Bundeskanzler Friedrich Merz steht vor mehreren Landtagswahlen. Seine Zustimmungswerte sind nach diversen politischen Patzern niedrig, und die rechtsextreme AfD könnte bei einigen Wahlen besser abschneiden als seine Partei.
Großbritannien: Burnham muss sich beweisen
In Großbritannien hat die Agenda des neuen Premierministers Andy Burnham die Märkte bislang kaum verunsichert. Doch seine Bemühungen, das Wirtschaftswachstum trotz knapper Kassen anzukurbeln, könnten das ändern. Der Haushalt im Oktober und die Labour Party Conference im September stellen Bewährungsproben für Burnham und Finanzminister John Healey dar. Die britischen zehnjährigen Kreditkosten liegen zwar hoch, sind jedoch von den im Mai erreichten 18-Jahres-Höchstständen leicht zurückgegangen. Die Erinnerungen an die Mini-Budget-Krise von 2022 könnten die neue Regierung bremsen. Burnham kündigt an, sich an die britischen Fiskalregeln zu halten. Andrew Wishart, Senior UK Economist bei Berenberg, mahnte jedoch: „Es besteht das Risiko, dass sie versuchen, den Rahmen auszutesten, und ich denke, das wäre ein Fehler.“
US-Midterms: Spritpreise als Zündstoff im Wahlkampf
In den USA nimmt der Wahlkampf für die Midterms im November traditionell im September Fahrt auf. Die Wähler richten ihr Augenmerk besonders auf die Benzinpreise, die infolge des Iran-Kriegs im Schnitt auf über vier Dollar pro Gallone gestiegen sind.



