EZB-Rat entscheidet im September über weiteren Zinspfad

Die Europäische Zentralbank (EZB) muss eine wegweisende Weichenstellung vornehmen. Wenn der EZB-Rat am 10. September tagt, deutet alles auf eine Anhebung der Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte hin. Der Einlagensatz kletterte damit auf 2,5 Prozent. Die wesentliche Frage lautet jedoch, ob die Notenbanker im Anschluss den Vorstoß in kontraktives Fahrwasser wagen.
Die Rahmenbedingungen gestalten sich vielschichtig. Einerseits notiert die Teuerungsrate im Euroraum mit 3,3 Prozent weiterhin merklich oberhalb des EZB-Zielkorridors von 2 Prozent. Andererseits präsentiert sich die Konjunktur robuster als prognostiziert. Gabriel Makhlouf, Chef der irischen Zentralbank, stuft die bevorstehende Entscheidung als „eindeutig" ein. Er unterstreicht, dass die Situation verwickelter wäre, wenn das Wirtschaftswachstum gering ausfiele. Die vorliegenden Indikatoren sprächen jedoch für eine weitere Verknappung.
Konjunkturelle Robustheit trotz geopolitischer Spannungen
Die unerwartete Stärke der Währungsunion verdient Beachtung. Ungeachtet der geopolitischen Auseinandersetzung mit dem Iran, welche die Energiekosten um 14 Prozent nach oben trieb, legte die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal um 0,4 Prozent zu. Makhlouf führt dies auf gezielte Ausgaben für Künstliche Intelligenz und Rüstungsgüter zurück und bezeichnet dies als „keinen Zufall".
Die Fachleute der ING liefern ergänzende Einordnung: Europäische Unternehmen hätten asiatischen Wettbewerbern Marktanteile abgenommen, da die Meerenge von Hormus blockiert sei. Carsten Brzeski von der ING mahnt jedoch vor Fehldeutungen. Die gegenwärtige Situation stelle einen „Lehrbuchfall eines Angebotsschocks" dar, nicht eine überhitzte Volkswirtschaft. Dies sei ein wesentlicher Unterschied für die Geldpolitik.
Die Grenze zum restriktiven Regime
Ein zentraler Streitpunkt unter den Notenbankern ist die Festlegung von „kontraktiver" Geldpolitik. Makhlouf präzisierte, dass der Einlagenzins bei 2,5 Prozent noch im neutralen Korridor liege. Die Hürde zum restriktiven Bereich setzt er bei „etwa über 2,75 Prozent" an.
Damit ist der Handlungsspielraum für weitere Zinsanhebungen umrissen. Makhlouf deutet an, dass die EZB bereitstehen müsse, in diese Zone vorzudringen, sofern sich die Inflation verschlechtere oder in die „falsche Richtung" tendiere. Die ING berichtet indes, dass zahlreiche Funktionäre die Gefahren eines solchen Schrittes fürchten. Steigende Bondrenditen verschärfen bereits die finanziellen Rahmenbedingungen im gesamten Währungsraum.
Unterschiedliche Positionen im EZB-Rat
Während der Zinsschritt im September als weitgehend beschlossen gilt, ist der weitere Pfad umstritten. Die EZB hat sich einer Sitzung-für-Sitzung-Strategie verschrieben und unterlässt bewusst eine vorausschauende Lenkung, um sich Flexibilität zu bewahren.
Die ING-Analysten verweisen auf interne Differenzen. Während einige Vertreter wie Makhlouf und Isabel Schnabel zu weiteren Verschärfungen bereit sind, sorgen sich andere um die Tragfähigkeit der Staatsverschuldung und mögliche Marktverwerfungen. Brzeski mahnt, die EZB müsse ihr Inflationsmandat gegen die Gefahr abwägen, „Öl ins Feuer" einer Volkswirtschaft zu gießen, die bereits unter hohen Anleiherenditen und geopolitischer Unsicherheit leide.
Politische Unwägbarkeiten am Horizont
Über den unmittelbaren währungspolitischen Zeithorizont hinaus zeichnen sich zusätzliche Risiken ab. Analysten verfolgen aufmerksam die anstehende französische Präsidentschaftswahl sowie erste Spekulationen über die Nachfolge von EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Diese Umstände könnten die Geldpolitik im weiteren Jahresverlauf zusätzlich beeinflussen.
Die EZB bewegt sich in einer schwierigen Gemengelage. Die kurzfristige Erfordernis einer Zinserhöhung ist offenkundig, doch die längerfristige Ausrichtung bleibt mit Unsicherheit behaftet. Die Währungshüter müssen das Ziel der Inflationserwartungen gegen das Risiko abwägen, eine verletzliche, wenn auch widerstandsfähige konjunkturelle Erholung abzuwürgen. Vorerst scheint die EZB einem behutsamen, datengestützten Ansatz verpflichtet zu sein und sämtliche Handlungsoptionen offen zu halten.



